Präsident Hans Peter Metzler
© Mauche Daniel

Präsident Hans Peter Metzler im großen DIWI-Interview

„Viele im Land setzen bereits Maßstäbe in Sachen Nachhaltigkeit“

Die Krise hat die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit nochmals verstärkt. Sie setzen sich aber schon viel länger mit dem Thema auseinander.

Ich durfte schon aus meiner Biografie heraus in der Region vor dem EU-Beitritt viel über regionale Entwicklung lernen. Schon damals ging es um die Themen Regionalität, regionale Wertschöpfungskreisläufe, Nachhaltigkeit. Das habe ich dann auch in die Tourismusstrategie eingebracht. 2012 wurde diese verabschiedet, da lauteten die Kernwerte Regionalität, Nachhaltigkeit und Gastfreundschaft. Damals, das weiß ich noch gut, wurden wir ausgelacht. Nachhaltigkeit ist zwar als Wort verbraucht, aber inhaltlich die Zukunft. So ging es mir dann auch darum, diese Kernwerte in die Wirtschaftskammer einzubringen.

Also schon vor Greta und Fridays for Future hatte die Wirtschaftskammer über den Dis.Kurs-Prozess die Themenfelder Regionalität und Nachhaltigkeit im Blick?

Ja! Auch deshalb, weil wir gesehen haben, dass sehr viele Unternehmen auf die regionalen Wertschöpfungsketten schauen und regional unterwegs sind, besonders der Tourismus, aber auch viele andere.  Und dass es viele gibt, die im Bereich Klimaschutz und Nachhaltigkeit schon Vorreiter am Standort sind. Große wie kleine Unternehmen hängen sich da richtig rein und haben schon Maßstäbe gesetzt.

Haben Sie das Gefühl, dass denjenigen, die aktuell massive Forderungen in Sachen Klimaschutz an die Wirtschaft stellen, dieses bereits bestehende Engagement zu wenig wertschätzen?

Ja, es ist eine Geringschätzung dieser Wege, die die Unternehmen bereits gegangen sind, spürbar. Ich sehe es als eine dringende Aufgabe von uns an, in der Breite zu zeigen, was da alles schon passiert; aus einer Haltung und naturgemäß auch aus Wettbewerbsgründen heraus. Jeder Unternehmer, der sich künftig dem Wettbewerb stellen will, kommt ja an diesem Thema gar nicht mehr vorbei. Egal, in welcher Branche er sich befindet. Ich habe das Gefühl, das hier stark pauschalisiert und nicht so genau hingesehen wird. Wir brauchen Austausch und Miteinander, aber getragen von einer gegenseitigen Wertschätzung und auf Augenhöhe an unserem Standort.

Oft wird die Debatte von apokalyptischen Szenarien beherrscht.  Angst ist aber kein guter Ratgeber in dieser Frage. Wie begegnen Sie dem?

Schon vom Typus her bin ich ein Teamplayer, Brückenbauer und vor allem Gastgeber, besonders für gute Gespräche. Aus meiner Sicht haben wir aber noch zu wenig Austausch zwischen Wirtschaft und diesen Ebenen, um durch eine gute Diskussion und Aufklärung, sprich mit Zahlen und Fakten, einiges positiver zu sehen. Das ist dann die gute Grundlage, gemeinsam – das Land plant ja einen Dialogprozess Umwelt und Wirtschaft – in der Tiefe Projekte zu identifizieren und umzusetzen. 

Ohne Wirtschaft wird es nicht gehen?

Die Wirtschaft ist von ihren Möglichkeiten und Ressourcen her ein Partner, ohne den es definitiv nicht gehen wird. Wer glaubt, ohne Wirtschaft wird das funktionieren, der sieht das aus meiner Warte völlig falsch.  Wenn man zudem sagt, es braucht kein Wachstum mehr, dann hat man unser System nicht richtig verstanden. Wir haben ja gerade in der Pandemie erlebt, was die Folgen sind, wenn plötzlich kein Wachstum mehr da ist. Somit brauchen wir Wachstum, aber, und das sage ich ganz offen und bewusst, ein richtiges Wachstum. Ich nenne das Muskelwachstum, nicht Fett. Und das heißt für mich ein Wachstum, das voll auf die Klimaziele, auf die CO2-Reduktion, auf Nachhaltigkeit, auf Regionalität einzahlt.

Das heißt aber auch, die Wirtschaft wird sich umstellen, einen anderen Weg gehen müssen? Aber man wird das auch finanzieren müssen und dazu braucht es letztlich wieder Wachstum...

Ganz genau, aber das richtige Wachstum, das ist das Entscheidende. Ich durfte viele Unternehmer:innen kennenlernen, die das aus einer Haltung heraus machen. Am besten finde ich es, wenn aus Überzeugung ein Beitrag für dieses große Thema Klimaschutz geleistet wird. Gerade auch am Standort Vorarlberg. Man könnte ja immer sagen, die Chinesen bauen Kohlekraftwerke etc., das ist zu einfach, wir müssen auch hier etwas tun. Das kann dann ja auch zum Wettbewerbsvorteil werden, wenn wir hier schneller sind, effektiver sind. Dann können wir diese Erfahrungen und Produkte, die wir hier entwickeln auch exportieren. Wir haben viele tolle Beispiele im Land.

Es wird eigentlich immer nur davon geredet, was die Wirtschaft tun muss. Aber: Wir müssen die Menschen, die Konsumenten ins Boot holen. Wo sehen Sie hier die große Herausforderung? Stichwort Verkehr und Konsumverhalten.

Das ist die vermeintliche Freiheit des Einzelnen, die aber dort aufhört, wo die Freiheit des anderen betroffen ist. Das ist immer eine Gratwanderung. Ich glaube, dass wir zuerst ein Bewusstsein für das Thema brauchen, dazu ist ein gewisser Informationsstand notwendig. Wenn dann die Erkenntnis gereift ist, einen Beitrag leisten zu wollen, mündet das in eine Haltung und geht letztlich in Verhalten über.

Das heißt aber auch, es geht nicht über Verbote und Vorschriften, sondern über Bewusstseinsbildung?

Es wird sicher da und dort nicht ohne Leitplanken gehen, die vielleicht auch nicht immer so angenehm sind, aber es muss planbar sein mit klaren Rahmenbedingungen. Klassische Verbote und Verzichtsaufrufe werden nicht funktionieren. Der Mensch verschließt sich dann und verdrängt. Das unterschätzen viele, die jetzt quasi mit religiösem Eifer bekehren wollen. Es wird nur mit Positivem funktionieren, mit Narrativen aus der Zukunft: Das haben wir geschafft und das und das. Diese Bilder brauchen wir, das motiviert zu mehr. Und dann braucht es Anreize. Wirtschaft wie Gesellschaft reagieren auf solche Anreize.

Was hat die Wirtschaftskammer nun im Rahmen des Strategieprozesses alles vor?

Im Präsidium haben wir konkrete Projekte verabschiedet, die wir initiieren und mitfinanzieren. Da geht es zum einen um die Digitalisierung eines Waldkatasters, der die Wertschöpfungskette Holz in der Region sichern soll. Es geht um ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen bei der Waldbewirtschaftung. Wir möchten auch, dass Co2-Zertifikate künftig in Vorarlberg über eine zertifizierte Stelle erwerbbar sind. Mit dem Großteil des Geldes soll dann wieder in sinnvolle heimische Klimaschutzprojekte investiert werden. Mit Professor Michael Braungart wollen wir das Cradle-to-Cradle-Prinzip, sprich die Kreislaufwirtschaft, stärker in Vorarlberg etablieren. Eine von uns beauftragte Studie soll aufzeigen, was an Potenzial da ist, was bereits läuft und welche Möglichkeiten es noch gibt.

Der Dialog-Prozess des Landes hat auf sich warten lassen. Auf was setzt hier die Wirtschaftskammer?

Wir werden uns hier sehr konstruktiv einbringen und auch Kante zeigen, aber vor allem geht es um die Bereitschaft, gemeinsame Weg zu finden. Ich bin ein Anhänger der Dialektik. Am Ende des Tages ist es so, wie Hegel sagte: These, Antithese, Synthese. Auch wenn nur ein Kompromiss herauskommt, ist das besser als nichts. Man sollte jetzt auch keine übertriebene Technologiegläubigkeit haben und auch nicht sagen, die Technologie wird alles regeln. Es braucht eine Mischung und eine gewisse Offenheit. Auf Forschung und Entwicklung dürfen wir aber auf keinen Fall vergessen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Herbert Motter



 

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