© Daniel Furxer

Mut in der Lehrlingsausbildung, gerade jetzt

Lehrlingsnetzwerk, Ausbildungsbotschafter oder virtuelle Betriebsbesichtigungen: Projekte wie diese sollen die Attraktivität und Vorteile der Lehre aufzeigen, aber auch das Thema an sich nachhaltig positiv beeinflussen. Ausgangspunkt dafür ist der Verein „Lehre in Vorarlberg“, der 2019 von Land, Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer Vorarlberg gegründet wurde. 

Vorarlberg gilt als Lehrlings-Land, auch wenn die Zahlen aufgrund der aktuellen Situation leicht rückläufig sind. Derzeit absolvieren knapp 7.000 Jugendliche eine duale Ausbildung (Stand Anfang 2021). Die duale Ausbildung mit einer fundierten Lehre hat nach Ansicht der Partner wesentlichen Anteil daran, dass Vorarlberg gegenüber anderen Regionen in der Vergangenheit vergleichsweise eine sehr geringe Jugendarbeitslosigkeit aufweisen konnte und nach wie vor kann. Diesen Zusammenhang immer wieder zu kommunizieren und sichtbar zu machen, ist eine Aufgabe des Vereins. Dabei sollen die enormen Chancen aufgezeigt werden, die hierzulande mit der dualen Ausbildung einhergehen. Auch soll das Ausbildungsmodell der Lehre bei Eltern und Auszubildenden populärer zu machen und den Bedarf an Fachkräften in Vorarlberg für die Zukunft zu sichern.

Als zentrale Koordinationsstelle, im Auftrag der Sozialpartner und des Landes Vorarlberg, übernimmt der Verein die Umsetzung von gemeinsamen Kommunikationsmaßnahmen zum strategischen Ausbau und der inhaltlichen Weiterentwicklung der dualen Ausbildung am Standort Vorarlberg. Als Anbieter einer zeitgemäßen digitalen Informationsplattform bietet der Verein einen Überblick über das vollständige Angebot aller Lehrberufe und offenen Lehrstellen in Vorarlberg und erreicht ein breites Publikum. Mit Vorträgen und Netzwerkangeboten für Ausbilder werden gezielt Wissen und Kompetenzen für die betriebliche Ausbildung vermittelt. Auch hat der Verein bereits Best-Practice-Initiativen entwickelt, die inzwischen bundesweit übernommen wurden. „Die Initiative soll mit dazu beitragen, der Lehre den verdienten Stellenwert zu geben. Wer in die Lehrausbildung investiert, investiert in die Wettbewerbsfähigkeit und in die Fachkräfte von morgen. Das wird gerade nach der Pandemie und bei einsetzendem Aufschwung von hoher Bedeutung sein“, sagt Wirtschaftslandesrat Marco Tittler.

Die Covid-bedingte Situation – u.a. Einschränkungen bei Betriebsbesuchen und Schnuppern, Absage aller regionalen Lehrlingsmessen – stellt seit vergangenem Jahr selbst die größten Ausbildungsbetriebe vor neue Herausforderungen. Somit lag der Fokus des Vereins um Geschäftsführer Markus Curin auf dem Auf- und Ausbau digitaler Möglichkeiten, den verschiedensten Zielgruppen die Chancen der Lehrausbildung näher zu bringen. Vieles davon waren oder sind mutige Pilotprojekte, die völlig neue Wege der Berufsinformation und Kommunikation gehen.

So wurde etwa aus der Virtual Reality-App „Lehre in Vorarlberg VR Experience“, das 2019 entwickelt wurde, das Tool „Virtuelle Betriebsbesichtigungen“, das kürzlich von WKO-Präsident Harald Mahrer im Rahmen der österreichweiten Bildungsoffensive vorgestellt wurde. Es ist eine virtuelle Vorstufe des Schnupperns und ermöglicht eine völlig neue Form der Berufsorientierung. Mit dem Lehrlingsnetzwerk Vorarlberg wird hingegen das ehrgeizige Ziel verfolgt, alle Lehrlinge betriebs- und berufsübergreifend, beruflich und privat zu vernetzen – und dadurch eine Community, eine Form der Zusammengehörigkeit aufzubauen. Daneben besuchen Lehrlinge als Ausbildungsbotschafter Schüler:innen im Rahmen des BO-Unterrichts und informieren als Influencer auf Augenhöhe über ihre Ausbildung und Motivation. Und seit Herbst 2020 gibt es ein zusätzliches, neues Kurs-Angebot für die „Lehre mit Matura“ (über WIFI und BFI).

Aktuelle Projekt-Highlights von Lehre in Vorarlberg:

  •  Virtuelle Betriebsbesichtigungen: Die WKO entwickelte aus dem Vorarlberger Pilotprojekt ein innovatives Berufsinformations-Tool, das beispiellos im deutschsprachigen Raum ist. Der Einsatz läuft einerseits in allen Bundesländern über VR-Brillen in Bildungsinstituten, andererseits über die VR-Website www.wko.at/vbb.   
    In Vorarlberg bietet das BIFO die Beratung mit VR-Brillen an, auch die Jugendcoaches nutzen sie für den Einsatz an Schulen. „Lehre in Vorarlberg“ koordiniert dabei sämtliche Lehrlinge, Filmaufnahmen und Inhalte aus ganz Österreich. Aktuell sind es 21 Lehrberufe (13 aus Vorarlberg), die virtuell besichtigt werden können. Bis Ende Jahres werden es etwa 40 sein.
  • Lehrlingsnetzwerk Vorarlberg: Zusammen mit Lehrlingen wurde 2020 ein Server mit unterschiedlichsten Kanälen eingerichtet, auf denen ein beruflicher, privater oder projektbezogener Austausch unter Lehrlingen stattfinden kann. Vorbereitungen zu Prüfungen und Wettbewerben haben bereits stattgefunden, zukünftig werden auch Lehrlings-Projekte und -Beteiligungen über dieses Netzwerk koordiniert. Erst kürzlich fand dazu ein Workshop mit 31 Lehrlingen im WIFI Dornbirn statt: Dabei wurden Themen wie e-Sports-Turnier für Lehrlinge, Lehrlings-poolbar-Event oder die neue Lehrlingscard besprochen und daran gearbeitet.
  • Neue Lehrlingscard: Zusammen mit dem aha – Jugendinfos Vorarlberg wird es eine neue Adaptierung der Jugendkarte speziell für Lehrlinge geben. Neben den zahlreich enthaltenen Vorteilen soll die Karte auch gleichzeitig Zugang zu exklusiven Lehrlingsevents sein
  • Lehre und Matura: Unter dem Trägerverein „Lehre in Vorarlberg“ bieten die Bildungseinrichtungen BFI und WIFI seit Herbst 2020 ein zusätzliches, ergänzendes Kurs-Modell der Lehre mit Matura an. Nach Info-Veranstaltungen und Vorbereitungen im Herbst/Winter letzten Jahres befinden sich nun die ersten Teilnehmer in ihren Fachkursen. Infos auf www.lehreundmatura.info
  • Projekt-Board Lehre in Vorarlberg: Da dutzende Institutionen, Projekte, Initiativen und Maßnahmen während der Phase der Berufsorientierung auf die Jugendlichen einwirken, wurde eine Übersicht in Form einer User-Journey entwickelt: In welcher Phase der Berufsorientierung übt welche Thema Einfluss auf die Jugendlichen aus? Diese Karte ist jederzeit auf www.lehre-vorarlberg.at einsehbar und zeigt die Projekte und Beteiligungen des Vereins bei all diesen Prozessen.
  • Jahr der Lehre: Wann wurde der erste Lehrvertrag in Vorarlberg abgeschlossen? Wie hat sich die Form der dualen Ausbildung, aber auch die Berufe selbst im Laufe der Zeit verändert? Derzeit laufen Recherchen für eine Ausstellung, die solche Fragen beantworten und einen erlebbaren Bogen von den ersten Handwerks-Ausbildungen bis zu Hightech-Berufen der Neuzeit spannen soll. Sie ist Teil des Projektes „Jahr der Lehre“: monatlich werden verschiedenste Events und Aktivitäten zum Thema stattfinden (geplant für 2022/23)

Aktuell gibt es noch hunderte offene Lehrstellen in Vorarlberg - allein auf der Plattform www.lehre-vorarlberg.at. Auch hier gibt es kurzfristige, aktuelle Bemühungen des Vereins in Zusammenarbeit mit dem BIFO und der Lehrlingsstelle der Wirtschaftskammer, etwa ein Matching-Tool, um Interessierte und Unternehmer besser zu vernetzen. Hauptaugenmerk des Vereins waren und bleiben langfristige, präventive Projekte, um nicht immer erst auf Probleme reagieren zu müssen. 

„Lehre in Vorarlberg“- ein Qualitätsprodukt

Die Lehre in Vorarlberg muss ein anerkanntes Qualitätsprodukt bleiben, betont Landesrat Marco Tittler: „Es gibt kein vergleichbares Ausbildungsmodell, das die Vorzüge der praktischen Arbeit mit dem theoretischen Fachwissen derart vorteilhaft vereint wie die Lehre“. Die vorbildliche Umsetzung bringt unserem Land national wie international viel Beachtung und Anerkennung ein. Tittler: „Wir sind das Bundesland mit der höchsten Lehrlingsquote und wollen das auch in Zukunft sein“. Das Land werde seine Investitionen in dieses Ausbildungsmodell weiter hoch halten.

Ohne die Lehre wäre Vorarlberg nicht der Wirtschaftsstandort, der er ist: Erfolgreich und international anerkannt, führt Wirtschaftskammerpräsident Hans Peter Metzler an: „Diesen chancenreichen Ausbildungsweg weiterhin als solchen bei den Jugendlichen und Eltern im Land zu positionieren, muss unsere zentrale Aufgabe sein. Das gelingt nur, wenn wir weiter an einem Strang ziehen und mit Mut und Engagement die Lehre weiterdenken.“ Für dieses Gemeinsame stehe der Verein Lehre in Vorarlberg so Metzler: „Mit ihm haben wir unsere Kräfte gebündelt und bereits einige innovative Projekte, wie etwa die Ausbildungsbotschafter oder das virtuelle Schnuppern, umgesetzt. Über den Verein haben wir die Chance weitere Zielgruppen zu erreichen und diese für die duale Ausbildung zu gewinnen.“

„Wenn wir zum Hotspot der dualen Ausbildung werden wollen, muss eines klar im Bewusstsein der Verantwortlichen in den Betrieben stehen: Ich muss heute ausbilden, wenn ich in fünf Jahren eine Facharbeiterin oder einen Facharbeiter brauche“, betont Arbeiterkammerpräsident Hubert Hämmerle: „Und dabei ist es entscheidend, dass noch mehr auf Qualität in der Ausbildung der Jugendlichen gesetzt wird. Jedenfalls wird es der gemeinsamen Anstrengungen aller Beteiligter bedürfen, damit der herrschende Facharbeitermangel im Ländle nachhaltig bekämpft werden kann.

„Der Erfolg des Virtual Reality Projektes und die Beteiligung am Lehrlingsnetzwerk haben gezeigt, dass die Zeit reif für neue Wege ist, um die Chancen und Vielfalt einer Lehrausbildung aufzuzeigen“, sagt Geschäftsführer Markus Curin: „Außerdem wurde bei der Erstellung der Projektübersicht deutlich, dass die Gruppe der aktiven Lehrlinge viel zu lange vernachlässigt wurde. Es werden unzählige Maßnahmen betrieben, um Lehrlinge zu gewinnen, aber anschließend geschieht – mit Ausnahme der großen Ausbildungsbetriebe – wenig. Das möchten wir durch das Lehrlingsnetzwerk, einem größeren Kulturangebot, Aktivitäten oder der neuen Lehrlingscard ändern.“

Innovation und Mut: Maischön denkt die Friseurausbildung neu – mit Jobgarantie

Eltern, und vor allem Lehrer, haben oft Angst, jungen Menschen zu einer Ausbildung in Form einer Lehre zu raten. Auch gilt es bei vielen Jugendlichen nicht als besonders cool, nach der Pflichtschule eine Lehre zu absolvieren. „Doch die Gesellschaft ändert sich“, sagt Maischön-Inhaberin Birgit Nöckl: „Es gibt neben den Jobs, die aktuell aufgrund der sich stetig ausweitenden Digitalisierung benötigt werden, einen weiteren Gewinner, und das sind die Handwerker. Wir kennen keinen Fachkräftemangel, denn wir verfolgen einen konsequenten Weg in der Ausbildung“, so Nöckl. Sie erkennt beim Ausbildungsauswahlverfahren einen klaren Trend, „unsere Bewerber für eine Ausbildung werden immer älter bzw. reifer. Wenn sich heute 10 junge Menschen für einen Ausbildungsplatz bewerben, haben mindestens 4 bereits einen Schul- oder Berufsabschluss in der Tasche. Junge Menschen streben nach Sicherheit im Leben, wenn sie diese haben, möchten sie gleich ihren Traum verwirklichen."

Friseur und Kosmetik Salon Maischön hat auch deshalb am Standort in Dornbirn in eine eigene Ausbildungsakademie investiert. Das außergewöhnliche Salon-Konzept auf fast 600m² beinhaltet neben den Ausbildungs- und Personalräumen eine Kosmetikabteilung, in der ein ganzheitlicher Behandlungsansatz verfolgt wird. Der Friseurbereich teilt sich in einen Schnitt- und Stylingbereich mit 12 Profiplätzen und in eine Färbelounge mit offener Farbküche und weiteren 9 Behandlungsplätzen.

Um für Jugendliche attraktiv zu werden oder bleiben, sind neue Wege gefragt – Nöckl: „Genau deshalb investieren wir sehr viel Ressourcen in unsere Ausbildungsinfrastruktur und auch in die Ausbildungsqualität sowie in Unterrichtsmethoden. Hier in Dornbirn haben wir beste Voraussetzungen, um ein tolles Lern- und Arbeitsumfeld für motivierte und engagierte junge Menschen zu bieten. Sogar noch mehr, wir können jedem/jeder eine Jobgarantie für die Zukunft geben."

Facts:

Lehre in Vorarlberg – Verein für Projektentwicklungen
Gegründet: Jänner 2019

Obmann: Hans Peter Metzler
Vorstand: Hubert Hämmerle, Eva King (beide AK), Landesrat Marco Tittler, Harald Moosbrugger (Land Vorarlberg), Michael Moosbrugger (WKV)

Geschäftsführer: Markus Curin

Jährliches Budget: 195.000 Euro

www.lehre-vorarlberg.at

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