Merit-Order-Prinzip: Europäische Strompreisbildung anpassen
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Merit-Order-Prinzip: Europäische Strompreisbildung anpassen

Strompreis. „Wir hinterfragen das Merit-Order-Prinzip zur Strompreisbildung in Europa und drängen auf eine Reform dieses Preisfindungssystems“, betont WKV-Präsident Wilfried Hopfner.

Mit Beginn der Liberalisierung der europäischen Strommärkte um das Jahr 2000 konnten Stromkundinnen und Stromkunden frei wählen, von wem sie Strom beziehen wollen. Das bedeutet allerdings nicht, dass man sich gezielt Strom ausschließlich von Windkraftwerken oder aus einer bestimmten Region liefern lassen kann. Der Stromfluss unterliegt ausschließlich den Gesetzen der Physik und geht immer den Weg des geringsten Widerstandes. Dadurch kann der Strom nicht mehr genau zugeordnet werden, wenn er erst einmal im Netz ist. Der Strompreis wird an nationalen und internationalen Handelsplätzen (Strombörsen wie zum Beispiel EEX oder EPEX Spot) ermittelt. Auch die meisten erneuerbaren Energien werden über Strombörsen gehandelt. Und wie immer gelten die Gesetze des Marktes: Die Preise werden von Angebot und Nachfrage bestimmt. Das ist Fakt Nummer eins.  Einfach ausgedrückt: Geringe Nachfrage und großes Angebot bedeuten niedrige Preise. Steigt hingegen die Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot oder sinkt sogar das Angebot, erhöhen sich die Preise. Ein Beispiel: Im Jahr 2021 wurde deutlich weniger Windstrom erzeugt, was die Strompreise steigen ließ. Auch die eingesetzte Technologie beeinflusst die Preise. So sind die variablen Kosten für die Erzeugung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen (Wasser, Wind, Sonne) zumeist deutlich günstiger als jene konventioneller Kraftwerke. Denn hier gibt es keine Brennstoffkosten oder Kosten für CO2-Zertifikate wie bei einem Öl-, Kohle- oder Gaskraftwerk. Fakt Nummer zwei.

Andererseits ist die Errichtung von Kraftwerken zur Stromerzeugung aus Erneuerbaren oft mit hohen Investitionen verbunden. Das heißt: Ein Wasserkraftwerk kostet bei der Errichtung sehr viel Geld, kann dann aber Strom vergleichsweise günstig erzeugen.

Merit-Order-Prinzip

Die Preisentwicklung hängt mit der sogenannten Merit-Order zusammen. Damit ist ein Regelwerk gemeint, nach dem Strom an den internationalen Strombörsen gehandelt wird, und die Reihenfolge, in der er ins Stromnetz gespeist wird. Zuerst wird Strom aus Kraftwerken mit den niedrigsten Grenzkosten ins Netz gespeist, zum Beispiel Windkraft. Dann werden nach und nach Kraftwerke mit höheren Grenzkosten zugeschaltet, bis die Nachfrage gedeckt ist. Der Strompreis an der Börse wird durch das letzte, teuerste Kraftwerk, das zugeschaltet wird, bestimmt. Ein Umstand, der nun immer deutlicher hinterfragt wird. In Österreich stammen derzeit rund 75 bis 80 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energiequellen. Zudem hat Österreich keine Atomkraftwerke und aktuell keine Kohlekraftwerke im Betrieb. Und weil der Energiebedarf (noch) nicht nur aus Ökostrom gedeckt werden kann, werden eben immer wieder Gaskraftwerke zugeschaltet.

Kritik am Merit-Order-Modell

Bei dem Merit-Order-Modell handelt es sich um ein statisches Beschreibungsmodell, das für die Darstellung der kurzfristigen Strompreisbildung laut „The Power of Many“, Betreiber eines der größten Virtuellen Kraftwerke Europas, gut geeignet ist. Um die langfristige Entwicklung von Strompreisen kalkulieren zu können, bedarf es jedoch eines modifizierten Strommarktmodells, das langfristige Effekte berücksichtigt. Ein solches Strommarktmodell bezieht die Einsatz-, Zubau- und Stilllegungsentscheidungen der Anlagenbetreiber mit ein und berücksichtigt auch die Fixkosten. Schließlich wird kein Kraftwerksbetreiber mehr Kraftwerke bauen, wenn mit dem Stromverkauf nur die Grenzkosten gedeckt werden könnten. Die enorm hohen Investitions- und Rückbaukosten von Atomkraftwerken bilden sich im Merit-Order-Modell nicht korrekt ab – ebenso wenig wie die tatsächlichen Gesamtkosten der Erneuerbaren Energien. Das Modell setzt außerdem eine Vermarktung des gesamten Stroms über die Börse voraus – was aber nicht immer der Fall ist. Manche Anlagenbetreiber verbrauchen ihren produzierten Strom selbst. Ohne diese Wechselwirkungen zu betrachten, kann das Merit-Order Modell das Potenzial der Erneuerbaren Energien, nämlich Preise zu beeinflussen, überschätzen. Das Merit Order-Modell spiegelt somit keinesfalls vollkommen die Realität wieder und über das tatsächliche Ausmaß des Merit Order-Effekts wird viel diskutiert und spekuliert.

WKV-Präsident Hopfner drängt auf Reform des Preisfindungssystems

„Mag das Merit-Order-Prinzip aufgrund der Vorteile für die Konsumenten - niedrigere Strompreise - sowie der damit verbundenen Anreize für eine verstärkte Investitionstätigkeit im Bereich der erneuerbaren Energien in der Vergangenheit durchaus seine Berechtigung gehabt haben, so zeigt sich für uns immer deutlicher, dass dieser Ansatz der Preisfindung im europäischen Strommarkt nicht mehr in das ,aktuelle wirtschaftliche Umfeld‘ passt. Gleichzeitig zeigen andere Länder wie etwa die Schweiz mit dem Durchschnittspreis-Prinzip durchaus mögliche alternative Ansätze auf“, betont Wilfried Hopfner, Präsident der Wirtschaftskammer Vorarlberg. Er hat das Thema mit einem Schreiben an Finanzminister Magnus Brunner nochmals angestoßen. Darin heißt es: „Es gilt, die maßgeblichen Vertreter auf europäischer Ebene zu sensibilisieren und auf eine Reform beziehungsweise Weiterentwicklung des Preisfindungssystems im europäischen Strommarkt zu drängen.“ Finanzminister Brunner hat medial jedenfalls schon Unterstützung in dieser Sache signalisiert.

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