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„Die Pflegelehre wird eine hochattraktive Alternative zu anderen Ausbildungsberufen“

Klaus Müller, stellvertretender Fachgruppenobmann der Vorarlberger Gesundheitsbetriebe, im Gespräch mit „Die Wirtschaft“ über den langen Weg zur Pflegelehre und die Dringlichkeit dieser Ausbildungsschiene.

Endlich soll es so weit sein, die Pflegelehre kommt. Ein langer Prozess, der viel Überzeugungsarbeit von Seiten der Wirtschaftskammer benötigt hat. Warum hat das so lange gedauert?

Klaus Müller: Das Pflegesystem in Österreich ist geprägt von einem hohen Organisationsgrad insbesondere der diplomierten Pflegekräfte, also gewissermaßen den Ingenieurinnen und Ingenieuren der Pflege. Das Selbstverständnis dieser Berufsgruppe ist im Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) abgebildet, in dem nicht nur die berufsrechtlichen Kompetenzen und Abgrenzungen, sondern auch die Ausbildungszugänge für diplomierte Pflegekräfte und Pflegeassistenzberufe geregelt sind. Dort ist hinterlegt, dass der Zugang zu allen Pflegeberufen im Rahmen von schulischen Ausbildungen erfolgt und frühestens mit 17 Jahren begonnen werden kann. Diese gesetzliche Grundlage hat bisher alle Bemühungen um eine betriebliche (Lehr-) Ausbildung, die mit Pflichtschulabschluss begonnen werden kann, vereitelt. 

So ist dann vor gut 17 Jahren die Idee für die Pflegelehre entstanden?

Eigentlich war es nie schwer, zu erkennen, dass die derzeitigen Ausbildungssysteme nicht ausreichen, die dauerhafte Sicherung der Pflegeversorgung in Österreich zu gewährleisten. Andererseits war nie nachvollziehbar, warum wir junge Menschen mit Interesse am Pflegeberuf zurückweisen und sie auf Ausbildungsmöglichkeiten in einer späteren Lebensphase vertrösten mussten. Der fehlende Erstausbildungszugang für Pflegeassistenzberufe führte bislang dazu, dass die allermeisten Auszubildenden für Pflegeassistenzberufe diese Ausbildung erst im Rahmen einer (meist öffentlich geförderten) Zweitausbildung machen, also dann häufig bereits 30, 40 oder 50 Jahre alt sind. 

Mit der Idee einer Pflegelehre soll also zunächst einmal einer bislang ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppe eine Erstausbildung im Pflegebereich ermöglicht werden. Hinzu kommt, dass wir als Arbeitgeber bislang wenig Möglichkeiten hatten, auf den allgemeinen Mangel an Pflegepersonal aktiv zu reagieren. 

Klaus Müller


In den meisten anderen Bereichen reagieren Arbeitgeber auf Mitarbeitergewinnungsprobleme mit verstärkten Bemühungen im Ausbildungsbereich.

Dies war uns bislang verwehrt. Erst jetzt mit Einführung der Pflegelehre werden wir in die Lage versetzt, aktiv auf ausbildungswillige junge Menschen zuzugehen und sie für unsere Aufgaben zu gewinnen und selbst zu qualifizieren.

Auch wenn die Idee einer Pflegelehre nicht von allen Verantwortlichen in der Pflege gleichermaßen mit Begeisterung aufgenommen wird, eint uns als Anbieter von stationären oder ambulanten Pflegeleistungen die Überzeugung, dass der Pflegeberuf zwar durchaus anspruchsvoll ist, aber hinsichtlich Sinnhaftigkeit der Aufgaben, der persönlichen und beruflichen Weiterentwicklungsmöglichkeiten und auch der Entlohnung eine hochattraktive Alternative zu anderen Ausbildungsberufen darstellt.

Diese Erkenntnisse haben vor allem bei uns in Vorarlberg zur Idee der Pflegelehre geführt. Natürlich hatte auch diese Idee viele Väter. Ich möchte aber behaupten, dass es ohne unser jahrelanges Vorarlberger Engagement noch lange keine Pflegelehre gäbe. Mein persönlicher Dank gilt dabei insbesondere auch dem langjährigen Engagement und der Beharrlichkeit unseres früheren österreichischen „Lehrlingspapstes“ Egon Blum und des früheren Landtagsvizepräsidenten Günther Lampert, die die Einführung einer Pflegelehre tatsächlich bereits vor vielen Jahren gefordert hatten.  

Eine Umfrage unter den Gesundheitsbetrieben bestätigt das hohe Interesse an der Pflegelehre. Wie gut sind die Betriebe aktuell darauf vorbereitet?

Viele Betriebe warten seit langem auf die Möglichkeit, eigene Mitarbeitende auszubilden. Allerdings war bislang nicht absehbar, welche Voraussetzungen für eine solche Lehrausbildung erforderlich sein werden. Nunmehr gilt es für alle ausbildungswilligen Betriebe, die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. Es ist uns bewusst, dass viele Betriebe in Vorarlberg derzeit personell ohnehin mit dem Rücken zur Wand stehen. Die Einführung einer betrieblichen Erstausbildung für Jugendliche braucht erhebliche zusätzliche Personalressourcen. Die entsprechenden Herausforderungen für ausbildungswillige Betriebe sind hoch. Dennoch haben zahlreiche Betriebe bereits bei der als Vorstufe zur Pflegelehre konzipierten Ausbildung zur Betriebsdienstleistungsassistenz gezeigt, dass sie ausbildungswillig und ausbildungsfähig sind.  Die Ausbildungsbetriebe werden sich auch im eigenen Interesse bemühen, eine qualitativ hochwertige und die konkreten Bedürfnisse der Auszubildenden berücksichtigende Lehrausbildung anzubieten. 

Die Schweiz dient immer wieder als Vorzeigeland, was die Pflegelehre betrifft. Allerdings kritisieren manche politische Vertreter:innen, dass Jugendliche dem Thema emotional nicht gewachsen sein sollen. Wie sehen Sie das?

Die Schweiz hat vor knapp 20 Jahren im Rahmen der Einführung der betrieblichen Pflegeausbildung ein neues Berufsbild geschaffen, in dem Alterszugangsgrenzen keine Rolle gespielt haben. Die Ausbildung „Fachfrau/-mann Gesundheit“ ist mittlerweile zum dritthäufigsten Ausbildungsberuf in der Schweiz geworden.  Obwohl die Erfahrungen aus der Schweiz zeigen, dass dort 15- und 16-jährige Auszubildende den Anforderungen einer Pflegeausbildung durchaus gewachsen sind, konnten wir uns nicht durchsetzen, auf die bisherige Altersgrenze ganz zu verzichten. Wir haben uns mit den zuständigen Ministerien und sonstigen Interessengruppen darauf verständigt, die bestehenden schulischen Ausbildungsmodelle für Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz auch als Lehrausbildung anzubieten. Dabei muss die im GuKG hinterlegten Altersgrenze von 17 Jahren weiterhin berücksichtigt werden. Bestimmte Ausbildungsinhalte können daher erst nach Erreichen der Altersgrenze vermittelt werden.  

Aber es gibt noch Hürden bis zur tatsächlichen Umsetzung...

Aktuell müssen die letzten bundesrechtlichen Grundlagen geschaffen werden, damit die Lehrausbildungen für die Pflegeassistenzausbildungen im Herbst tatsächlich starten können. Hierfür gibt es entsprechende Zusagen aus dem Sozialministerium, so dass wir uns in Absprache mit der Landespolitik trauen, bereits im Vorgriff entsprechende Ausbildungszusagen zu treffen. In den Betrieben müssen die personellen Grundlagen für die Lehrausbildungen geschaffen werden, es bedarf vielfach noch entsprechender Weiterqualifizierungen für die zukünftigen Ausbildungsverantwortlichen. Weiterhin muss im Land noch abschließend definiert werden, wo und wie die Beschulung der Auszubildenden stattfindet. Die größte Herausforderung wird aber sein, Jugendliche für diese neue Ausbildung zu begeistern. Derzeit ist das Angebot an Lehrausbildungen für Jugendliche deutlich größer als die Anzahl ausbildungswilliger junger Menschen.  

Wie kann man sich die Pflegelehre in der Praxis vorstellen?

Die künftigen Auszubildenden werden von Anfang an in die Strukturen und Abläufe der Pflegeorganisationen eingebunden. Sie lernen, die Bedürfnisse von pflegebedürftigen Menschen zu verstehen und werden sukzessive in die Tagesgestaltung und später auch in die konkreten Pflegehandlungen eingebunden. Sie erhalten durch Anleitung und später durch Mitarbeit die Kompetenzen, die sie befähigen nach Abschluss der Ausbildung fachkompetent zu pflegen und zu betreuen. Wie in jeder Lehrausbildung wird die fachpraktische betriebliche Ausbildung durch allgemeine und fachtheoretische Ausbildungsinhalte ergänzt, die an der Berufsschule oder Krankenpflegeschule vermittelt werden. Zusätzlich wird es im Rahmen der Ausbildung Fremdpraktikas an Krankenhäusern, Pflegeheimen, Krankenpflegevereinen oder im Bereich der Behindertenhilfe geben, die es ermöglichen, andere Handlungsfelder der Pflege kennen zu lernen. Im Ergebnis wird die Pflegelehre also eine „normale“ Lehrausbildung mit Lehrlingsgehalt, Lehrbetrieb und Berufsschule werden. 

Der Effekt wird ein Thema sein. Was erwarten Sie sich mit dieser neuen Ausbildungsform, gerade auch in Hinblick auf die aktuelle Pflegesituation und den Personalbedarf in Österreich?

Die Pflegelehre ist keineswegs die einzige Lösung zur Verbesserung der derzeitigen Personalsituation. In der Schweiz hat die betriebliche Ausbildung nach wenigen Jahren das zunächst bestehende System schulischer Ausbildungen komplett verdrängt. Soweit wird es in Österreich nicht kommen. Wir werden weiterhin alle bisherigen Ausbildungszugänge brauchen, vor allem auch um lebenserfahrenere Menschen im Rahmen einer zweiten Ausbildung für die Aufgaben der Pflege zu qualifizieren. Die Pflegelehre ermöglicht es aber erstmals allen Jugendlichen, bereits nach einem Pflichtschulabschluss einen Pflegeberuf zu erlernen. Und die Pflegelehre ermöglicht es auch erstmals den Betrieben, eigenständig in Ausbildungen zu investieren, um so zukünftige Fachkräfte zu finden und zu binden. Deshalb habe ich große Hoffnungen, dass die Einführung der Pflegelehre auf Dauer dazu führen wird, dass deutlich mehr Menschen als bisher einen Pflegeberuf ergreifen und dazu beitragen, unsere Aufgaben bei der Versorgung pflegebedürftiger Menschen bewältigen zu können. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Herbert Motter

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