Gabriel Felbermayr im Interview
© Alexander Mueller

„Wachstum pausiert bis zum Sommer“

Seit Oktober lenkt Gabriel Felbermayr die Geschicke des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO). Im Interview mit „Die Wirtschaft“ spricht er über die Inflation, die CO2-Bepreisung und den Faktor Arbeit.

Jetzt explodieren die Inzidenzien wieder. Wie stark bremst die vierte Welle den Aufschwung?

Wir gehen davon aus, dass die österreichische Wirtschaft wegen des Infektionsgeschehens im letzten Quartal 2021 und im ersten Quartal 2022 nicht wachsen wird. Der Aufschwung macht Pause, aber wir erwarten für den nächsten Sommer – wie auch im heurigen Jahr – ein starkes Wachstum.  

Dazu braucht es auch entsprechend Arbeitskräfte, doch viele Betriebe sind händeringend auf der Suche nach Personal. Was braucht es am Arbeitsmarkt?

Am Arbeitsmarkt findet ein Paradigmenwechsel statt. Früher waren die Jobs knapp, jetzt sind die verfügbaren Arbeitskräfte knapp. Das hat mit der demografischen Entwicklung zu tun. Die Herausforderungen am Arbeitsmarkt sind andere geworden, es stellen sich Fragen wie: Passen die Qualifikationen zu den Jobs oder wie kann man die Menschen gesund länger im Arbeitsprozess halten? Da braucht es neue Antworten. 

Stimmen aus der Wirtschaft kritisieren, dass Hauptprofiteur von KV-Erhöhungen der Staat sei. Dahin geht auch die Forderung nach mehr Netto vom Brutto, indem die Lohnnebenkosten beim 13. und 14. Monatsgehalt gesenkt werden. Welche Entlastungen wären aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Man müsste bei den Steuertarifen nachbessern und die kalte Progression neutralisieren. Wichtig wäre, die Steuergrenzen automatisch an die Inflation anzupassen. Das WIFO fordert ja schon lange, dass der Faktor Arbeit entlastet wird – und zwar nicht nur steuerlich, sondern auch bei der  Sozialversicherung.  Dieser Entlastungsfaktor wurde bei der jüngsten Steuerreform nicht genug berücksichtigt, auch wenn sie den Namen ökosozial trägt.  

Sie haben auch kritisiert, dass der CO2-Preis mit zunächst 30 Euro pro Tonne nicht weit genug gehe. Ist die ökosoziale Steuerreform eher ein Tropfen auf den heißen Stein – oder doch der große Wurf?

Es ist der Beginn einer Entwicklung, ich würde das Glas als halbvoll bezeichnen. Der Einstieg ist gelungen. Wenn der CO2-Preis dann auf 55 Euro steigt, wird das auch eine Lenkungswirkung haben. Ich hätte mir mehr Mut gewünscht, mit der Auszahlung des Klimabonus hätte man ja auch mehr kompensieren können. Doch es geht in die richtige Richtung. 

Die Inflation ist derzeit so hoch wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Besteht aus Ihrer Sicht Aussicht auf ein Ende der Teuerung?

Das sehe ich aktuell nicht. Doch auch wenn die Durchschnittsprognose für 2022 bei drei Prozent liegt, sind wir weit entfernt von einer Hyperinflation. Die aktuelle Teuerung ist stabilitätspolitisch nicht problematisch. Wir müssen uns künftig aber auf höhere Teuerungsraten im Bereich von zwei Prozent einstellen. Das hängt mit Corona, der Klimapolitik, den Energiepreisen zusammen – und damit, dass Knappheiten zunehmen und die Zeit der ewigen Billigwaren aus China vorbei sind.  

Als zentrales Instrument, mit dem wir den Wohlstand messen, gilt immer noch das BIP. Was braucht es, um eine Gesellschaft sinnvoll zu messen?

Ich glaube, wir hängen zu sehr am BIP, auch wenn da viel dranhängt – wie etwa die Steuereinnahmen. Der monetäre Wohlstand ist in einer satten Gesellschaft nicht mehr so zentral. Statt einer einseitigen Betrachtungsweise wäre es sinnvoll, wenn weitere Faktoren wie Umweltqualität, Einkommensverteilung und die Preisentwicklung in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten einfließen. So ließe sich besser abbilden, wie es Österreich geht. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Karin Sattler

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