Peter Borchers
© Robert Lehmann

„Das größte Risiko ist es, abzuwarten und nichts zu unternehmen“

Dis.Kurs Zukunft. Innovationsexperte und Angel Investor Peter Borchers spricht im Interview mit „Die Wirtschaft“ über Unterstützung bei Innovationsstrategien und Kollaborationen von Start-ups mit gesetzten Unternehmen.

Sie arbeiten mit Unternehmen an Innovationsstrategien. Wie muss man sich die Arbeit als Sparringpartner mit dem Unternehmens-Management vorstellen?

Alle etablierten Unternehmen stehen vor der gleichen Herausforderung: Sie müssen dem sich immer schneller drehenden Innovationskarussel standhalten. Damit dies gelingen kann, müssen sie anpassungsfähiger, schneller, innovativer werden. Sonst entgehen ihnen die Chancen, die sich aus neuen Technologien oder Geschäftsmodellen ergeben. Das bedeutet, sie müssen Strukturen, Prozesse und letztlich eine Kultur aufbauen, die es erlauben, schnell und flexibel, kreativ und effizient zu agieren. Innerhalb des Unternehmens genau wie an den Schnittstellen nach außen - hin zu Start-ups und anderen innovativen Ökosystem-Partnern. Ich helfe Entscheidern in Unternehmen dabei, den richtigen Weg durch diesen Dschungel zu finden. 

Welche Rolle Sie einnehmen, ist dann situationsbedingt.

Ja, denn dies geschieht mal mehr im Hintergrund - als vertrauter Berater, mit dem man offen diskutieren  und auch mal eine vermeintlich dumme Frage stellen kann. Und mal geschieht es mehr im Vordergrund, zum Beispiel mit Workshops für die Teams meiner Auftraggeber oder im Rahmen einer Beiratsrolle.  Wichtig für den Erfolg ist dabei insbesondere einschlägige Praxiserfahrung. Ich kann hier glücklicherweise auf meine eigene langjährige Erfahrung in Führungspositionen verschiedener erfolgreicher Unternehmen zurückgreifen. Dort stand ich selber vor vielen der Fragen, die jetzt meine Klienten beschäftigen. Und so kann ich ihnen nun dabei helfen, im entscheidenden Moment möglichst viel richtig und möglichst wenig falsch zu machen. 

Die Coronakrise hat die Relevanz von Partnerschaften zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen noch einmal verstärkt. Welches Potenzial sehen Sie in diesen Kooperationen?

Ich sehe in der Zusammenarbeit ein gewaltiges Potenzial. Nicht jede Innovation kann von innen kommen. Deshalb ist es so wichtig, leistungsfähige Schnittstellen aufzubauen, um mit externen Ökosystem-Partnern zusammenzuarbeiten und Innovationen von draußen wirklich für das eigene Unternehmen nutzbar zu machen. Wenn dies gelingt, können zwei grundlegende, wertstiftende Effekte erzielt werden. Erstens - Wachstum: noch attraktivere Produkte als bisher anbieten zu können. Zweitens - Effizienz: also produktiver zu werden.

Und wenn es nicht gelingt, was ist denn die zentrale Hürde im Zusammenspiel von gesetzten Unternehmen und Start-ups bzw. divergieren da nicht oft die Beweggründe?

Weniger die Beweggründe als vielmehr das gegenseitige Verständnis. In der Tat begegnen sich da nämlich zwei Kulturen, die nicht immer sofort kompatibel sind. Darauf muss man achten, wenn man eine Partnering Einheit aufbaut. Das Ziel beider Seiten ist aber üblicherweise das gleiche, nämlich am Markt erfolgreich zu sein. Und das gilt es auszunutzen: Die Anreize für alle Beteiligten müssen so ausgerichtet sein, dass beide Seiten gleichermaßen profitieren - es muss eine Partnerschaft auf Augenhöhe sein. Das klingt zwar einfacher als es ist, aber zahllose Beispiele zeigen, dass es funktionieren kann.

Auch die Digitalisierung hat gerade durch die Corona-Krise nochmals einen Schub bekommen. Sind Krisen das Fundament für Innovationen?

Ja, absolut. Denn leider sind gerade erfolgreiche Unternehmen oft bequem und agieren zu spät, also erst dann, wenn die Dringlichkeit nicht mehr von der Hand zu weisen ist. Dabei sollten gerade die erfolgreichsten Unternehmen eigentlich die Chance nutzen, sich frühzeitig - also noch aus einer Position der Stärke heraus - damit auseinanderzusetzen, sich neu zu erfinden, sich fit zu machen für die Zukunft und für die nächste Innovationswelle.

Vielen Unternehmen ist die digitale Disruption aber noch gar nicht bewusst. Welchen ersten Schritt sollte man unbedingt machen?

Der erste und wichtigste Schritt ist es sicher, den Entschluss zu fassen, sich konsequent und ernsthaft des Themas anzunehmen. Als nächstes sollte man dann ein klares, gut kommunizierbares Ziel festlegen. Denn nur mit einem klaren Ziel lässt sich auch entscheiden, wie man am besten vorgeht - und wie man das gesamte Team motiviert, die Herausforderung anzunehmen.

In wenigen Tagen werden Sie in Vorarlberg zu Gast sein. Verraten Sie uns schon vorweg die oder eine zentrale Botschaft an Ihre Zuhörer:innen?

Gern! Gerade die letzten Jahre zeigen: Das größte Risiko ist es, abzuwarten und nichts zu unternehmen. Also machen Sie entschiedene, konsequente Schritte, um die Innovationsfähigkeit Ihres Unternehmens nachhaltig zu steigern. Das stärkt Ihre Wettbewerbsfähigkeit, macht Ihre Angebote attraktiver für Ihre Kunden und Ihre Organisation letztlich auch interessanter für die talentiertesten Mitarbeiter und den immer härter umkämpften Kapitalmarkt. Eine wohlgeplante, gut strukturierte Zusammenarbeit mit Start-ups ist dafür ein hervorragender Ansatz.

Interview: Herbert Motter


Zur Person: Peter Borchers begleitet namhafte Unternehmen in Digitalfragen und hat bereits zahlreiche Unternehmen beim Aufbau, Betrieb und Review ihrer Corporate Start-up-Programme unterstützt. Darunter STIHL, Deutsche Bahn, Allianz u.a. Borchers ist außerdem Affiliate Professor für Entrepreneurial Leadership & Strategy an der ESCP Business School (Paris

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