Pflege
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„Das Land Vorarlberg strebt einen möglichst schnellen Start der Pflegelehre an“

Seit 2006 fordert die Wirtschaftskammer Vorarlberg die Umsetzung der Pflegelehre. Und während die Nachfrage nach Pflegeberufen noch weiter steigen wird, würde sich ein Großteil der mehr als 50 Pflegebetriebe im Land als Ausbildungsbetrieb zur Verfügung stellen. Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher im Interview:

Frau Landesrätin, wo stehen wir in Sachen Pflegelehre aktuell? Vorschläge und Entwürfe gibt es mittlerweile doch einige…

Die Einführung der Pflegelehre ist im Arbeitsprogramm der Bundesregierung enthalten und wird auf Bundesebene derzeit ausgearbeitet. Notwendig dafür ist die Konkretisierung des bundesweiten Berufsbilds und eines entsprechenden Lehrplans. Vorarlberg ist bereit, als Pilotregion in Österreich diese Ausbildung anzubieten – gerne auch in Kooperation mit weiteren Bundesländern oder Regionen. Auch das Bundesland Tirol hat bereits Interesse angemeldet. Eine solche Umsetzung von Pilotregionen sollte auch wissenschaftlich begleitet werden, um für die bundesweite Ausrollung Erfahrungen zu sammeln und zu implementieren. Über das neue Ausbildungsangebot der Lehre sollen für die Langzeit- und Akutpflege sowohl Pflegeassistent/-innen als auch Pflegefachassistent/-innen angesprochen werden. Dementsprechend sieht das Modell 4-1 nach vier Jahren einen Lehrabschluss zur Pflegefachassistenz vor. Sollte ein Lehrling bereits nach drei Jahren aussteigen wollen, kann er/sie dies mit dem Abschluss Pflegeassistenz. Diese Abstufung hat mehrere Vorteile: Sie gibt den Jugendlichen eine Entwicklungsmöglichkeit während der Lehrzeit, die Durchlässigkeit zu akademischer Bildung bleibt bestehen, zugleich erlaubt sie eine bessere Stellenplanung in den Betrieben. Konkrete Ergebnisse der bisherigen Prozesse sind unterschiedliche Positions- und Arbeitspapiere der Projektgruppe, Pressekonferenzen und Aussendungen, sowie Vernetzungssitzungen mit allen Stakeholdern im Land sowie bundesweit. Wir setzen uns weiterhin für eine rasche Umsetzung ein und stehen dazu im laufenden Austausch mit der Bundesebene.

Wie viel hat Vorarlberg dazu beigetragen, dass die Pflegelehre im Bundesregierungsprogramm verankert wurde?

Zwischen dem Land Vorarlberg und der Bundesregierung haben laufend Abstimmungen zur Umsetzung eines Pilotprojekts in Vorarlberg stattgefunden. Wir haben uns als „Land der Lehre“ stark dafür eingesetzt, dass dieses weitere Ausbildungsangebot auch als konkrete Maßnahme auf Bundesebene aufgegriffen wird und werden dies weiterhin tun.

Ursprünglich war der Wunsch zum Launch der September 2021. Weil auf Bundesebene inzwischen offensichtlich einiges zur Seite gelegt wurde, hat die Kammer erneut ein Wunschziel für September 2022 geäußert – wie wahrscheinlich ist das?

Das Land Vorarlberg strebt einen möglichst schnellen Start der Pflegelehre an. Allerdings müssen zuerst die rechtlichen Voraussetzungen auf Bundesebene geschaffen werden – dies betrifft insbesondere die Definition des Berufsbildes sowie die Erstellung eines Curriculums. Nach derzeitigem Umsetzungsstand auf Bundesebene wird dies voraussichtlich nicht vor 2022 der Fall sein. Wir werden den Prozess jedenfalls stark unterstützen.

Was kann optimiert werden, damit das Modell schneller umgesetzt wird?

Alle Grundlagen, die im Vorfeld erarbeitet werden können, liegen mittlerweile vor, das Land Vorarlberg steht als Pilotbundesland bereit. Bevor aber die notwendigen Grundlagen – Berufsbild und Lehrplan – nicht bundesweit ausgearbeitet sind, können die Ausbildungsbetriebe bzw. Schulen ihre Tätigkeit nicht aufnehmen. Wir können als Land durch laufendes aktives Nachfragen und bei Bedarf auch durch notwendige inhaltliche Unterstützung durch unsere Fachpersonen unterstützen – der konkrete Zeitplan kann aber nur auf Bundesebene beschleunigt werden.

Das Interesse ist mehr als deutlich: Ein Großteil der mehr als 50 Pflegebetriebe im Land würden sich als Ausbildungsbetrieb zur Verfügung stellen, jährlich könnten somit insgesamt mindestens 30 Lehrlinge ausgebildet werden. Wie rasch wären Berufsbild und Lehrplan aufgestellt?

Eine Umfrage der Wirtschaftskammer belegte bereits 2018 großes Interesse der Betriebe, rasch Pflegelehrlinge auszubilden. Es könnten ad hoc mindestens 30 Lehrplätze geschaffen werden, alleine das Antoniushaus in Feldkirch hat fünf Lehrplätze „reserviert“. Berufsbild und Lehrplan wären mit den notwendigen Vorgaben des Bundes also sehr rasch aufgestellt – jedenfalls müsste es in einem Zeitraum von sechs Monaten zu schaffen sein. Vorarlberg steht bereit!

Die Wirtschaftskammer fordert das Modell bereits seit 2006 und hat mehrfach darauf aufmerksam gemacht, dass keinesfalls eine Ablöse des bisherigen schulischen Systems beabsichtigt ist...

Die Einführung einer Pflegelehre ist ein weiterer wichtiger Baustein, um am Pflegeberuf Interessierte zum richtigen Zeitpunkt das für sie passende Angebot anbieten zu können. Dies trifft einerseits auf Pflichtschul-abgänger/-innen zu: Sie müssen keine Zwischenausbildung beginnen, um auf ihren 17. Geburtstag zu warten und wir erreichen junge Menschen, die eine Ausbildung mit einem konkreten Arbeitgeber vorziehen. Andererseits könnte es auch für Wiedereinsteiger/-innen ein attraktives Angebot sein: ein wohnortnaher Arbeitsort verbunden mit einer entsprechenden durchlässigen Ausbildung. Weitere Bausteine sind höhere Schulen, die Pflegeassistenz oder Pflegefachassistenz mit einbauen sowie verbesserte Übergänge, um die Durchlässigkeit zu erhöhen.

Die Nachfrage nach Pflegeberufen ist zurzeit ja enorm – gerade auch wegen der Pandemie. Aber dennoch sind wir bei der Deckung des Personalstandes schon lange auf Pflegekräfte aus dem Ausland angewiesen. COVID-19 hat die Situation drastischer gemacht – was ist, wenn dieses Personal wegfällt?

Wir haben gesehen, wie wir insbesondere in der 24-h-Betreuung auf ausländische Pflegekräfte angewiesen sind. Hier macht eine entsprechende Alternative sicher Sinn. Auf Landesebene werden verschiedene Alternativ-Modelle ausgearbeitet, unter anderem ein Mehrstunden-Angebot von MOHI-Kräften. Im Pflegebereich stellt sich eher das umgekehrte Bild dar: Wir müssen durch attraktive Arbeitsplätze darauf achten, dass Pflegekräfte bei uns in Vorarlberg bleiben.

Ein Blick in die Schweiz: Inwiefern können wir uns da noch was vom Modell abschauen – es funktioniert sichtlich ganz gut und auch dort gibt es regen Zulauf in die Ausbildung. Warum sollte das, was dort funktioniert, nicht auch bei uns gehen?

Das ist auch unsere Haltung: Das Schweizer Modell ist zwar etwas anders aufgebaut, zeigt aber, dass gerade junge Menschen diesen Berufsweg gerne einschlagen. Es macht daher Sinn, von diesen Erfahrungen zu profitieren. Die Schweiz zeigt: es geht!

Vielen Dank für das Interview!


Drastische Auswirkungen

Die Pflegelehre spricht junge Menschen bereits nach der neunten Schulstufe an. Dadurch könnten weitaus mehr junge Menschen für eine sinnvolle Tätigkeit – insbesondere im Umgang mit älteren Menschen – gewonnen und Überbrückungszeiträume vermieden werden, betont Peter Girardi, Fachgruppenobmann der Vorarlberger Gesundheitsbetriebe. Für Lehrlinge wären viele Inhalte aus dem Pflegebereich relevant und sie würden sich für diese Aufgaben auch eignen, zumal keinesfalls vorgesehen ist, dass 16-jährige Jugendliche bereits in vollem Umfang in gewisse Tätigkeiten eingebunden werden und dauerhafte psychische und physische Belastungssituationen erleben müssen. Die betriebsgebundene Ausbildung bringt viele Vorteile sowohl für den Pflegebereich als auch für die Wirtschaft mit sich. Durch die potenziellen Ausbildungsbetriebe im Land könnten jährlich insgesamt mindestens 30 Lehrlinge ausgebildet werden. „Diese Chance zu ignorieren wäre daher fahrlässig und nicht verantwortungsvoll. Wer jetzt nicht reagiert, ist mitverantwortlich für den Pflegenotstand von morgen“, betont Girardi.


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